Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells lässt die Zeit vergehen

Benedict Wells ist dieser Autor, dessen Name ehrfurchtsvoll durch Buchhandlungen fliegt. Er sei so jung und könne trotzdem schon so weise über das Leben schreiben, ist der allgemeine Konsens. Seinen Durchbruch hatte er 2008 mit seinem Debütroman „Becks letzter Sommer„. Darin ging es um verpasste Chancen und alte Träume. Ein Thema das er auch in seinem neusten Werk „Vom Ende der Einsamkeit“ streift. Der Kern des Romans kreist jedoch um eine andere Frage: Wie kann man nach dem Verlust von geliebten Menschen weiterleben?

Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.

– Vom Ende der Einsamkeit, S.299.*

Jules und seine beiden Geschwister wachsen unbekümmert und wohl behütet auf bis ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen. Die Kinder kommen ins Internat, jeder versucht auf seine Art mit dem Schicksalsschlag klar zu kommen und so leben sie sich mehr und mehr auseinander. Jules findet in Alva eine Vertrauensperson. Doch Alva ist abweisend, denn sie hat ihren eigenen Verlust zu verarbeiten. Nach dem Abitur verlieren sie sich aus den Augen. Sowohl Alva als auch seine Geschwister tauchen nur sporadisch in seinem Leben auf. Die Zeit vergeht und mit der Zeit wird der Kontakt wieder intensiver. Und gemeinsam versuchen sie sich von der Lücke in ihrem Leben zu befreien – manchmal gelingt es und manchmal auch nicht.

Und wenn du nur tust, was du immer getan hast, wirst du auch nur bekommen, was du immer bekommen hast

– Vom Ende der Einsamkeit, S.185.*

Wells Roman zeigt beeindruckend wie der Tod geliebter Menschen sich für immer in ein Leben verankern kann und das in verschiedenen Facetten. Die Schwester verliert sich allzu oft in Drogen und Alkohol, der Bruder, dem vermeintlich alles gelingt, entwickelt Zwangshandlungen und Jules sucht verzweifelt nach einem Ort zum Ankommen – einem Ort, den er glaubt in Alva gefunden zu haben. Doch auch Alva ist unruhig und muss erst zu sich selbst finden. Dann scheint plötzlich alles in Ordnung und ein erneuter Schicksalsschlag ereignet sich. Es ist ein hin und her, der Leser ist dabei wie die Zeit vergeht und das ist auch alles, was die Geschichte erzählt: vergehende Zeit.

Wir blickten einander an, im Gefühl, dass wir alles gesagt hatten, außer den Dingen, die wir unbedingt verschweigen wollten.

– Vom Ende der Einsamkeit, S.174.*

Aber der Autor ist clever: An den richtigen Stellen streut er einen Vorausblick in die Zukunft ein, so dass der Leser zwangsläufig neugierig wird, welche Entwicklungen wohl vorausgingen. Und dann beherrscht er noch dieses eine Talent mit unscheinbaren Worten große Dinge auf den Punkt zu bringen. Dennoch frage ich mich: reicht das? Mochte ich das Buch? Hat es mir etwas für mein Leben mitgegeben? Und umso länger ich darüber nachdenke, muss ich sagen „Nein“.

(…) wenn man sein ganzes Leben in die falsche Richtung läuft, kann’s dann trotzdem das Richtige sein?

– Vom Ende der Einsamkeit, S.190.*

Natürlich ist es sprachlich ein absolut lesenswertes Buch, man stolpert nicht und kommt flüssig durch die Zeilen. Natürlich ist es inhaltlich eine interessante Thematik. Aber der Funke sprang nicht zu mir rüber. Und vielleicht musste ich erkennen, dass Einsamkeit eine zu individuelle Sache ist, als dass ich ein 350-Seiten-langes Interesse daran hätte, mich mit der Einsamkeit von fremden Menschen mit völlig anderen Lebensläufen und -entwürfen zu beschäften.

Fazit: Ganz nett, aber kein Muss.

„Wieso hast du ihn eigentlich geliebt?“, fragte ich. „Er hatte doch nichts.“

„Das war es, glaube ich. Er war so leer, so angenehm leer. Ich konnte aus ihm machen, was ich wollte. Und er hatte keine einzige verwundbare Stelle. Nichts konnte ihn verletzen, das hat mich fasziniert.“

– Vom Ende der Einsamkeit, S.119.*

Willst du wissen, welches Buch mich so richtig von den Socken gehauen hat? Dann lese doch meine Rezension zu „180 Grad Meer“ von Sarah Kuttner.

Was sagt ihr zu Benedict Wells? Welches Buch von ihm könnt ihr empfehlen? Habt ihr „Vom Ende der Einsamkeit“ auch schon gelesen? Hat es euch gefallen?


*Wells, Benedict: Vom Ende der Einsamkeit, Diogenes Verlag, Zürich, 2016.

10 Replies to “Vom Ende der Einsamkeit – Benedict Wells lässt die Zeit vergehen”

  1. Hmm, darüber habe ich tatsächlich nicht nachgedacht, sondern mich einfach von der Geschichte mitreißen lassen. Vielleicht ist das ein Buch, das man in kurzer Zeit und ohne groß nachzudenken verschlingen muss? 😉

  2. Ich habe ja schon einige – teils euphorische – Rezensionen zu diesem Buch gelesen. Und ich habe auch schon in Erwägung gezogen, das Buch selbst mal zu lesen, auch wenn Deine Begeisterung nur so mittelmäßg war. 😉 Die gewählten Textstellen klingen auch irgendwie super, und das Thema spricht mich wirklich an.

    Wenn da nur nicht dieses Cover wäre! 😉 Normalerweise ist mir das Cover bei Büchern mehr oder minder egal, aber das hier wirkt irgendwie grenzkitschig und hat so einen Anflug von „Vom Winde verweht“, was bei mir den Eindruck erweckt, ich könnte es da eben mit einem wirklich kitschigen Werk zu tun haben. Und das wäre nicht so meins… 😉

    1. Danke für deinen Kommentar!

      Ja, das stimmt. Das Cover ist wirklich unglücklich gewählt. Denn kitschig ist das Buch gar nicht. Natürlich könnte man die Geschichte auch als Rosamunde Pilcher Roman erzählen. Aber wie du vielleicht an den Zitaten merkst, dafür schreibt Wells zu lebensnah in seinen Dialogen.

      1. Dann sind wir uns diesbezüglich ja einig. 😉 Zugegeben, die Zitate hinterließen einen anderen Eindruck, aber…

        Na, vielleicht traue ich mich doch mal. 🙂

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