„Taboo“ – Meine Nerven waren nicht stark genug

Taboo-Serie-Amazon-Prime-Tom-HardyEin Mann mit breiten Schultern, hohem Hut und tiefer Stimme. Er trinkt keinen Tee, dafür Whiskey und er hat geschworen sehr dumme Dinge zu tun. Sein Name: James Delaney (gespielt von Tom Hardy). Delaney kehrt nach 10 Jahren zurück aus Afrika um in London das Erbe seines Vaters anzunehmen und das gefällt niemanden. Die Schwester fällt fast in Ohnmacht, der Schwager erhebt selbst Anspruch auf das Erbe und auch die East Indian Company ist nicht sonderlich erfreut über die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Warum? Jeder hat seine eigenen Gründe. Aber um es mit den Worten der Puffmutti (gespielt von Franka Potente) zu sagen: „Wenn ich dir ein Mädchen gebe, werde ich es nie wieder sehen.“ Und damit sollte wohl endgültig klar sein, dass wir es mit einem echt gefährlichen Mann zu tun haben. Zumindest beschäftigen sich die ersten beiden Folgen der Serie „Taboo“ mit nichts anderem.

Tom Hardy erfüllt sich einen langen Traum

„Taboo“ ist eine britische Serie, die Anfang des 19. Jahrhunderts spielt. Kreiert wurde sie von Steven Knight, dem Hauptdarsteller Tom Hardy und dessen Vater Chips Hardy. Im Vereinigten Königreich und den USA lief das 8-teilige Historiendrama so erfolgreich, dass eine zweite Staffel geordert wurde. In Deutschland kann man alle Folgen im Streaming-Angebot von Amazon Prime sehen.

Was man sehen wird, ist vor allem ein unglaublich tolles Setting mit toller Ausstattung und Kostümen. Sofort wird der Zuschauer in die Stimmung der Serie hineingezogen. Wie authentisch die Details sind, mag dahingestellt sein, spielt aber auch keine Rolle.

Ein dreckiges, düsteres London

Fassen wir soweit mal zusammen: Wir haben ein großartiges Szenenbild und einen sehr bösen Mann. Der böse Mann läuft oft sehr dekorativ durch das Bild und diskutiert und droht und dann droht auch ihm mal jemand und er diskutiert wieder und droht und nun ja so geht es die ersten vier Folgen munter hin und her. Was wir dabei lernen: Das Land, was er erbte, will eigentlich jeder: die East Indian Company, Amerika, der Schwager. Denn das Land liegt an einer direkten Handelsroute nach China. Und weil man sich mit cleveren vertraglichen Tricks gegenseitig immer wieder ausspielt, spioniert man einander nach und droht und redet und führt bedeutungsschwangere Gespräche.

„Alle, die ich um mich schare, sind verdammt. Das ist schlicht Teil meiner Geschäftsführung.“ (James Delaney)

Zwischen all den vielen Gesprächen taucht eine bunte Schar an Figuren auf, die im Ansatz wirklich gut gedacht sind. Die Witwe des verstorbenen Vaters, eine Schauspielerin, die auch einen Teil des Erbes fordert. Der Chemiker, der Sprengstoff bauen soll. Die 13-jährige Winter, die Augen und Ohren überall hat. Der schlagfertige Diener und all die anderen Persönlichkeiten, die Delaney mit in sein Verderben ziehen will. Aber keine dieser Figuren bekommt den Raum um sich vollkommen auszuleben. Dafür scheint das bedrohliche Gebärden der Hauptfigur zu wichtig. Manchmal bedroht er auch nicht, sondern nimmt den Zuschauer mit auf einen LSD-Trip (Okay, es hat nichts mit Drogen zu tun, aber für den Zuschauer fühlt es sich so an). In jedem Fall scheint diese Figur so sehr Dreh- und Angelpunkt, das alle anderen Figuren zusammenschrumpfen.

Endlich Action?

In Folge 5 gibt es endlich ein Duell und einen Exorzismus – endlich ein Grund zu freuen, denn endlich passiert Handlung! Aber nein… es wird doch wieder viel geredet. Zu früh gefreut. Action und Taten findet man in dieser Serie eher selten.

Oder habe ich an den entscheidenden Stellen geschlafen? Überall hieß es, die Serie sei nichts für schwache Nerven. Kanibalismus und Gewalt seien an der Tagesordnung – nun ja, das kommt vor. Aber doch in so kleinen Dosen, dass der Zuschauer – sollte er tatsächlich so schwache Nerven besitzen – die wenigen Minuten durchaus einfach die Augen schließen könnte. Nach Serien wie „Preacher“ oder „American Gods“ zerrt doch eher das Nicht-Vorhandensein von Blut an den Nerven der Zuschauer.

Fazit

„Taboo“ fühlt sich an wie ein sehr langer Jane Austin Film, in dem es Probleme gibt über die man stundenlang ermüdend viel diskutieren kann bis alle zermürbt sind – nur mit einer zusätzlichen politischen Ebene. Das kann man mögen, muss man aber auch nicht. Aber wie bei einer guten Jane-Austen-Verfilmung gibt es auch hier zumindest einen sehr attraktiven Hauptdarsteller, den es allein schon lohnt 8 Folgen lang anzuhimmeln.

 

 

 

3 Replies to “„Taboo“ – Meine Nerven waren nicht stark genug”

  1. Endlich jemand, der sich nicht allein von der düsteren Atmosphäre beeindrucken ließ, die für mich keinerlei Substanz oder Weltbild oder schlicht und einfach Gefühl erkennen ließ. Ich bin ja sogar eine Freundin des handlungslosen Redens, aber nicht dieses redundanten „Ach, ich bin ja so böse. Ihr habt ja keine Ahnung, wie böse ich bin! Wenn ihr nur wüsstet, was ich schon Böses angestellt habe.“ Ja, was denn, sags doch endlich!
    Aber ja, wenigstens hat Tom Hardy Ausstrahlung …

  2. Ich himmel Hardy zwar nicht an 😆 aber dieses dreckige, düstere London und seine Bewohner sind es allein schon wert angeschaut zu werden.
    Es wurde viel geredet aber es muss ja auch nicht immer dauerhafte Action sein. Dann verliert sich die Story auch irgendwann.
    Ich hoffe auf eine 2. Staffel…

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