Nur echt mit Waschmaschine und zehn Minuten Verspätung

25qm ist nicht groß, aber ausreichend. Wenigstens gibt es einen Balkon. Das Bad hat sogar ein Fenster und die Küchenecke ist frisch renoviert. Gut. Nehme ich. „Aber“, sagt die Maklerin. „Sie haben schon gelesen, dass es hier keinen Waschmaschinenanschluss gibt.“ „In der Wohnung wäre auch kein Platz mehr. Aber im Keller…“ „Nein. Nein. Auch im Keller gibt es keinen Anschluss.“ Schweigen. Irgendwie verwirrt. Irgendwie fassungslos. „Und wo ist der nächste Waschsalon?“ Schulterzucken. „Keine Ahnung. Hier in der Nähe bestimmt nicht.“

Eine Wohnung ohne Waschmaschine – Bin ich schon soweit diesen Kompromiss einzugehen? Die Frage stellte ich mir oft auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Ich bin ganz ehrlich, ich hätte jeder Wohnung zugesagt, egal welche Mängel sie gehabt hätte (nur Wohnungen ohne Waschmaschine hätte ich nicht genommen). Welche Wahl hätte ich auch gehabt? Allerdings habe ich auch nie eine Wohnung zugesagt bekommen – nicht mal die ohne Waschmaschine.

Dass die Wohnungssuche hart ist, wusste ich vorher. Ich hatte auch schon von diesen Massenbesichtigungen gehört. Aber es ist etwas ganz anderes selbst Teil dieser Inszenierung zu sein. Natürlich bin ich ein ruhiger Bewohner und sehen Sie, kein Schufa-Eintrag, mein Arbeitgeber bescheinigt mir mein Gehalt… Wir melden uns. Wir melden uns bedeutet übersetzt: „Nein, wir wollen Sie nicht.“ So viel Theater…

Solidarität vs Konkurrenz

Sechs Monate pendelte ich bereits und hatte mich damit schon abgefunden. Sicherlich ist es nervig bei Hitze zwischen schweißnassen Körpern zu stehen, bei Kälte in dampfigen Wagons. Ich bin auch kein Freund von dem ständigen Essensgeruch in Zügen oder den unfreiwillig mitgehörten Handygesprächen. Und an die Tage, an denen ich zwei Stunden im Regen wartete bis die Bahn überhaupt fuhr, will ich gar nicht erst denken. Aber wenigstnes teilt man sein Leid mit so vielen Mitmenschen. Die Pendlersolidarität sollte nicht unterschätzt werden!

Anders verhält es sich schon mit den Mitbewerbern für Wohnungen. Sie sind echte Konkurrenz. Außer in Wohnungen ohne Waschmaschinen, da ist man gemeinsam sprachlos. Aber das ist die Ausnahme. Als ich mit dieser Mutti, die für ihren Sohn suchte, in dieser großartigen Wohnung stand, war ich mir sicher, dass sich die Frau einen Strategie zurecht gelegt hatte. Das habe ich nie. Ich bin immer noch so naiv zu glauben, dass Menschen mich einfach toll finden können, weil ich so bin wie ich bin. Mutti war gewiefter.

Sie redete ohne Punkt und Komma. Doch das Entscheidende: Sie redete mit Überzeugung. Es war nicht die Frage, ob ihr Sohn die Wohnung bekam. Das stand für sie schon fest. Die Frage war nur noch, was die Wohnung für ihren Sohn tun würde. Ich kam kaum zu Wort und war mir schon sicher, dass mich die Marklerin nicht wahrnehmen würde. Genauso wie Mutti mich auch keine Minute wahrnahm, mir nicht in die Augen sah und mein höfliches „Ein schönes Wochenende noch“ total ignorierte.

Ich habe mich eingeschlossen!

Da lobe ich mir doch wieder meine Pendler. Die kennen so etwas wie Ignoranz nicht. Was einer in den engen Wagons erlebt, erleben alle. Zum Beispiel diese eine rüstige Dame, mit dem vielen Gepäck, die ein dringendes menschliches Bedürfnis überkam. Soweit so gut. Doch dann stand sie in der Zugtoilette und kam nicht mehr heraus. Von außen rief es: „Sie müssen fester drücken, der Haken klemmt ein bisschen“. Von drinnen rief es: „Schon okay, ich habe alles unter Kontrolle.“

„Unter Kontrolle“ bedeutete, sie hatte den Notknopf gedrückt und den Zugführer verständigt. Der musste nun also den Schaffner zur Toilette schicken. Allerdings befand sich das Zugpersonal in einem anderen Abteil. Also folgte die Durchsage: „Der nächste Plan erfolgt außerplanmäßig aufgrund… weil jemand in der Toilette feststeckt.“

Keine drei Minuten später war die Frau befreit. Ihr Glück über die zurückgewonne Freiheit musste sie natürlich sofort teilen. Daher rief sie ihre Freundin an und schrie ins Telefon: „Ich habe mich gerade in der Toilette eingesperrt und der Zug musste wegen mir halten!“ Alle rollten mit den Augen. Alle wollte schließlich nach einem langen Arbeitstag endlich nach Hause. Aber alle schmunzelten.

Ich kam, sah und siegte

Um eine lange Geschichte kurz zu machen und hier nicht in einen Roman abzudriften: Ich schrieb der Marklerin noch eine seitenlange Email, warum ich die Wohnung unbedingt haben musste und schleimte mich mit voller Unterwürfigkeit bei ihr ein. Am Ende habe ich die Wohnung bekommen und nicht die Mutti. Am Ende war plötzlich alles vorbei. Das Pendeln. Die langen Tage und kurzen Nächte. Und am Ende habe ich sogar eine Waschmaschine – das ist allerdings auch so eine besondere Geschichte, die ich ein anderes mal erzählen muss…

 

 

Die besten Zugdurchsagen

  • „Herzlichen Dank für die großartigen letzten zwanzig Jahre. Ich verabschiede mich von meinen Kollegen und allen Mitreisenden in meinen wohlverdienten Ruhestand. Es war eine tolle Zeit mit Ihnen allen“
  • „Wir haben Verspätung. Warum weiß ich auch nicht. Mit mir redet ja keiner.“
  • „Aktuell haben wir zehn Minuten Verspätung mit Tendenz zu mehr. Aber wenn wir alle entspannt bleiben, dann schaffen wir das schon.“
  • „Wir haben zwanzig Minuten Verspätung. Keiner der geplanten Anschlüsse wird erreicht. Die Züge warten nicht.“
  • „Wir wissen nicht wann der nächste Zug fahren kann.“

8 Replies to “Nur echt mit Waschmaschine und zehn Minuten Verspätung”

  1. Der Kampf um die richtige Wohnung ist echt nicht einfach. Das wird schnell schlimmer, als die schlimmste Castingshow.

    Mein Lieblingsspruch in der Bahn vor wenigen Tage:
    „Die Bahn ist nicht zu spät, wir sind nur zeitlich flexibel.“

  2. Du machst mir gerade total viel Hoffnung für mein Studentenleben weißt du dass ;D Ich bin nämlich ahnlich wie du. Strategie gleich null, aber zäh wie Leder.

    Ich gratuliere dir natürlich dann erstein Mal zur eignen Wohnung und ich bin mir sicher, dass das Pendlerdasein dich geprägt hat…. ^^ Vielleicht bist du umsichtiger oder auch zäher geworden. Was braucht man definitiv in Mietswohnungen… Stichwort: Nachbarn.

    Die Durchsagen sind herrlich fast so schon wie: „Entschuldigung wir haben uns Verfahren“ (auf Schienen sich verfahrenen ah ja…) oder „Entschuldigen Sie, aber wir haben die Landebahn verpasst“, es war damals nur ein Versprecher des Piloten…

    1. Bis jetzt hatte ich immer Glück mit meinen Nachbarn und auch in der neuen Wohnung scheint das so zu sein. Aber meistens offenbaren sie sich ja nicht sofort 😉
      Dann drücke ich mal die Daumen! Aber als Student hat man ja oft mehr Optionen z.B. Wohnheim, WGs…. und je nach Stadt kann das ja recht schnell gehen.

  3. Ich glaube unsere Wohnungen sind gleich groß. Und ich habe auch keine Waschmaschine. *lach* Vielleicht solltest du wie ich einfach eine Freundin zwingen eine halbe Stunde von dir entfernt hinzuziehen. Mit Waschmaschine versteht sich.

    Ansonsten ist dieser Bewerberwahnsinn Grund genug für mich, hier nie wieder auszuziehen. Die spinnen doch alle.

Kommentar verfassen