„Ich machte mich so schwer ich konnte, versuchte fett auszusehen und stapfte mit Nilpferdblinzeln hinaus auf die Bühne“ 

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist nicht nur ein Zitat von Goethe, sondern auch der dritte Band aus der Reihe „Alle Toten fliegen hoch“ von Joachim Meyerhoff. Wie in den vorigen Erzählungen geht es auch in dieser Geschichte um den Tod und wie dieser Tod einen Menschen – den Protagonisten Meyerhoff – durch sein Leben begleitet.

In meiner Erinnerung habe ich Meyerhoff zum ersten Mal in einer Talksendung wahrgenommen, wo er ständig mit einem Kugelschreiber spielte und mich damit verrückt machte. Aber er beeindruckte mich auch, weil er so klar in seiner Meinung schien, die er geschickt darlegte um zu überzeugen.

Wer seine Bücher liest, weiß aber, dass „klar“ ein völlig falsches Adjektiv für den norddeutschen, schlacksigen, großen Mann ist – zumindest für die Lebensphasen, von denen er in seinen Büchern berichtet.

In „Amerika“ erzählte er von seinem Austauschjahr in Wyoming, währenddessen sein Bruder bei einem Verkehrsunfall in Deutschland verstarb. In Band 2 „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ geht es um seine Kindheit auf dem Psychiatrie-Gelände, wo er mit seiner Familie lebte, weil sein Vater dort Arzt war. Und auch hier spielt der tote Bruder eine wichtige Rolle.

Der letzte Band handelt nun von Meyerhoffs Zeit an der Schauspielschule in München, wo er bei seinen Großeltern in einem rosa Zimmer in einer Nymphenburger Villa lebte. Die Großeltern über den Tag verteilt durch das alkoholische Angebot in ihrem Haus und Meyerhoff vom Nilpferd, das Fontane interpretiert über eine kochende Spaghetti bis zum orgienfeiernden Statisten in einem Faust-Bühnenstück.

Die Ruhe und Detailtreue mit der der Autor erzählt ist Teil des stets mitschwingenden Humors. Denn trotz des Hauptmotiv des Todes sind es heitere Geschichten, die Meyerhoff erzählt, die aber auch zum Nachdenken anregen. Die Frage, die sich der junge Mann in seinem letzten Band stellt, ist nicht mehr und nicht weniger als die Frage nach seiner Existenz.

„Ich wollte auf der Bühne stehen und dabei nicht gesehen werden“

Wer bin ich? Was will ich? Warum tue ich etwas, das mir nicht gefällt? Was bedeutet das Leben? Worauf kommt es an? Was bedeutet Familie? Was bedeutet Familie, wenn sie nicht mehr da ist? Und was bedeuten Erinnerungen?

Mein Fazit

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist nicht mein Lieblingsband, denn die Geschehnisse an der Schauspielschule finde ich zwar interessant, aber nicht spannend. Trotzdem lohnt es sich das Buch zu lesen. Denn die Charakterstudien der Großeltern (nobel, altersverrückt, großbürgerlich) sind´einfach nur großartig – in Stil und Inhalt – erzählt.

Was ich jetzt noch wissen möchte:

Wie wurde aus dem verlorenen Mitzwanziger der brillante Autor Joachim Meyerhoff?

One Reply to “„Ich machte mich so schwer ich konnte, versuchte fett auszusehen und stapfte mit Nilpferdblinzeln hinaus auf die Bühne“ ”

Kommentar verfassen