Herzensblind

Die Ampel schaltet um, schnell aufs Gas treten, die Hektik des Verkehrs überleben und den eigenen Weg finden, aber dann: alles weiß.

Ein Problem ist aufgetreten, alles lesen, was es darüber zu wissen gibt, nachdenken, Zähne knirschen, aber dann: alles weiß.

Extase in fremden Hotelzimmern, jetzt und laut und nur nicht an den Alltag denken, fliehen, aber dann: alles weiß.

Die Menschen erblinden. Aber es ist keine dunkle Blindheit, bei der jemand das Licht ausgeschaltet hat. Es ist ein stechendes Weiß, erzählen sie und beängstigen damit die noch Sehenden. Denn diese plötzliche Blindheit scheint ansteckend. Was machen wir also? Wir wollen nicht blind werden… Wir sperren sie weg. Die Blinden in die Irrenanstalt, die Sehenden beschützen.

Und wer beschützt uns? Wer kümmert sich um uns? Wie hilf- und schutzlos wir doch ohne Augenlicht sind. Und das Essen – es ist viel zu wenig. Hygiene? Wie sollen wir das machen? Wir finden doch kaum den Weg zur Toilette! Und wir werden immer mehr. Wir werden immer weniger Mensch. Wir haben hunger. Wir müssen überleben. Es bilden sich Gruppen. Die eine Gruppe hat Macht, die andere nicht. Wir sind keine Menschen mehr, wir sind Tiere.

Der portogiesische Dramatiker José Saramago erzählt in seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ eine Geschichte über das Gute und Böse im Menschen, über Willkür und Gewaltherrschaft. Er degradiert den Menschen zum Tier und… wieso tut er das? Die Blindheit stehe metaphorisch für die Blindheit der Herzen, heißt es. Doch woher wissen wir, dass die Herzen der Menschen blind waren? Wir kennen ihr Leben vor der Blindheit nicht! Hält Saramago die Menschheit grundsätzlich für so schlecht? Ich verweigere mich diesem Blickwinkel. Ich bin Idealistin.

 

Cover Die Stadt der BlindenAutor: José Saramago

Titel: Die Stadt der Blinden

Genre: (Endzeit-)Roman

Erscheinungsjahr: 1995

ISBN: 978-3-455-81277-0

Verlag: Hoffmann und Campe

 

Mehr Informationen:

www.hoffmann-und-campe.de/josé-saramago

www.hoffmann-und-campe.de/die-stadt-der-blinden

 

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