„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck – Das Buch der Stunde

Vielleicht habe ich in der Überschrift etwas dick aufgetragen. Aber genau genommen, war das nicht ich, sondern Elke Schmitter in „Der Spiegel“, wo sie schrieb:

Jenny Erpenbeck hat das Buch der Stunde geschrieben

Jenny Erpenbeck – Die Autorin

Jenny Erpenbeck stammt aus einer Schriftstellerfamilie und aus Berlin. Deshalb ist es wohl kein Wunder, dass sie Bücher schreibt und diese in Berlin spielen lässt. Aber unter uns gesagt: Obwohl ich großer Fan von Berlin-Romanen bin, habe ich noch nie etwas von Frau Erpenbeck gehört. Zu Unrecht. Denn Jenny Erpenbeck hat schon einiges an Preisen abgeräumt, zum Beispiel den Hans-Fallada-Peis und den Hertha-König-Literaturpreis. Außerdem wurden ihre Werke in mehr als 18 Sprachen wie Koreanisch, Griechisch oder Hebräisch übersetzt. Für „Aller Tage Abend“ wurde sie von Lesern und Kritikern gefeiert und vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2013 mit dem Joseph-Breitbach-Preis. Aber ihr wichtigstes Werk ist bis jetzt „Gehen, ging, gegangen“.

Erpenbeck - Gehen, ging, gegangen

Gehen ging gegangen von Jenny Erpenbeck

Der Roman

Vielleicht nicht unbedingt persönlich, aber für die Gesellschaft ist der Tatsachenroman über afrikanische Flüchtlinge, die in Berlin gestrandet sind, eine wichtige Erzählung. Die Hauptfigur ist ein Professor, der gerade in Pension geht. Von der Welt außerhalb der alten Sprachen scheint er recht wenig mitbekommen zu haben. Denn sein Wissen über die Flüchtlingskrise ist nicht sehr groß, als er mit ihr konfrontiert wird. Zunächst ist es nur ein Ertrunkener im See vor seinem Haus, dann ist es eine ganze Gruppe von Männern auf dem Oranienplatz. Langsam entwickelt sich der Kontakt und der Professor ist fasziniert von den fremden Männern und ihren Lebensgeschichten. Er kommt mit ihnen ins Gespräch, spricht über ihre Heimat und die Flucht. Hört von Tod und Trauer, von Schmerz, Katastrophen und Krieg.

Die Fragen

Umso intensiver die Gespräche werden, umso mehr Fragen stellen sich dem Professor: Warum dürfen diese Männer nicht arbeiten? Warum regelt niemand wie es für sie weitergeht? Warum streitet man sich nur um Zuständigkeiten? Warum sind sie keine Kriegsopfer so wie die Deutschen damals nach dem Zweiten Weltkrieg? Was sind Grenzen? Wer macht Grenzen? Warum gibt es so viel Bürokratie für Männer, die nicht verstehen, was die Schriftstücke bedeuten?

Richard weiß die ganze Adventszeit über, dass das Abkommen Dublin II nur die Zuständigkeit regelt, aber er sagt nichts. (S. 212)

Die Intention

Jenny Erpenbeck klagt niemanden an. Sie ruft auch nicht dazu auf, die Welt zu verbessern. Sie erzählt die Fakten der Flüchtlingsverwaltung, der Fluchtmotive, der Machtlosigkeit, in der sich Flüchtende verfangen, wenn sie sich auf den Weg nach Europa einlassen – in der Hoffnung auf ein besseres Lebens.

 

Lieber ein Buch, mit einem etwas heiterem Thema? Wie wäre es mit „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“?!

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