Die Eleganz des Igels

Eleganz des Igels

Die Bewohner der Rue de Grenelle 7, Paris

Na, so was. Er zieht die Nase geräuschvoll hoch und schickt den Nasenschleim dorthin zurück, woher er gar nie gekommen ist, und aufgrund der Schnelligkeit der Aktion bin ich gezwungen, den hektischen Kontraktionen seines Adamsapfels zu folgen, die die Passage besagten Nasenschleims erleichtern. Das ist abstoßend, vor allem aber verwirrend.

Ich sehe nach rechts, nach links. Die Eingangshallte ist leer. Wenn mein E.T. feindliche Absichten hat, bin ich verloren. (S.84)

Renée ist vierundfünfzig Jahre alt und arbeitet als Concierge in der Rue de Grenelle 7, Paris. Und ja, sie bekommt nicht gerne Besuch in ihrer Loge. Eigentlich möchte sie nicht, dass jemand weiß, dass sie da ist. Sie macht sich unsichtbar vor anderen und zieht sich zurück – mit Tolstoi, Kant, Husserl und vielen anderen Philosophen und Literaten.

Sie gehört zu denen, die glauben, dass Wissen Macht und Vergebung bedeutet. Wenn ich weiß, dass ich zu einer selbstzufriedenen Elite gehöre, die aus übertriebener Arroganz das Gemeingut verschleudert, entgehe ich der Kritik und ernte doppelt so viel Prestige. Auch Papa neigt dazu, so zu denken, obwohl er weniger blöd ist als meine Schwester. Er glaubt noch, dass es etwas gibt, das Pflicht heißt, und obwohl das meiner Meinung nach eine Illusion ist, bewahrt es ihn vor dem Schwachsinn des Zynismus. (S. 55f)

Paloma ist zwölf Jahre alt, hochintelligent und ebenfalls kein Fan von viel Gesellschaft. Zumindest nicht von Gesellschaft, die sie verurteilt – und sie verurteilt fast jeden. Sie fühlt sich überlegen und deshalb lässt das Leben für sie nur einen Schluss zu: Sie muss Selbstmord begehen. Nur so ist der Sinn ihres Lebens erfüllt.

Was im Verlauf der Geschichte passiert, ist vorhersehbar: Renée wird behutsam aus ihrem Versteck gelockt und beginnt neue Freundschaften. Natürlich trifft sie dabei auch auf Paloma. Und nur das Ende mag für den eingefahrenen Leser, der nur diese eine Art des Happy Ends kennt und schätzt (das Große, das ganz Große!), enttäuschend, weil überraschend und erschütternd sein.

Aber der Kern der Geschichte liegt nicht darauf, was erzählt wird, sondern wie und welche Schlüsse sich daraus ziehen lassen. Von der Hobby-Philosophin und dem hochbegabten Kind ist nichts anderes zu erwarten als ein großes Wort. Beide sind ausgezeichnete Beobachter, beide stehen der Gesellschaft kritisch gegenüber. Beide denken über Dinge nach, über die man überhaupt mal nachdenken sollte.

Trotzdem fällt es manchmal schwer ihren Gedanken zu folgen. Manchmal muss der Leser schon selbst ein Philosoph sein um sich in den geistreichen Sphären nicht zu verlieren. Und manchmal werden die beiden Protagonistinnen unsympathisch. Weil Renée ein Trauma gegen Reiche besitzt, das Voruteile hervorbringt, die für so eine aufgeklärte Frau eigentlich viel zu übertrieben sind. Und Paloma ist eben noch ein Kind, doch so komplett erwachsen – das muss manchmal einfach weh tun, weil es arrogant wirkt. Und den vielen Menschen, die von den Zweien verurteilt werden, werden sie ohnehin nicht gerecht.

Dennoch eine Lektüre zum Nachdenken, Philosophieren, aber keinesfalls zum Nebenbeilesen.

Bewertung: 7 Rubine von 10

Die Eleganz des Igels

Autorin: Muriel Barbery

Genre: Gesellschaftsroman, Philosophie

Verlag: dtv

Umfang: 363 Seiten

ISBN: 9783423138147

 

 

 

 

Mehr zu Buch und Autorin:

Die Eleganz des Igels“ bei dtv

Autorenporträt

„Die Eleganz des Igels“-Special (inklusive Leseprobe, Video, Interview und Pressestimmen)

 

 

7 Replies to “Die Eleganz des Igels”

  1. Habe das Buch vor Jahren gelesen und war wirklich sehr hin- und hergerissen. Angefangen habe ich mit dem Lesen, weil ich durch den Klappentext mitbekommen habe, dass Paloma Mangafan ist und weil ich erwartete, dass sich zwischen Renée und ihr eine lebensverändernde Freundschaft entspinnt. Aber ich war etwas resigniert als ich gemerkt habe, dass das Aufeinandertreffen der Beiden eigentlich eher etwas kurz ist. Außerdem ist es mir schwer gefallen mit anzusehen bzw. zu lesen wie insbesondere Paloma auf die Menschen in ihrer Umgebung herabblickt. Renée hingegen mochte ich sehr gerne und das Ende … ja das ist eins, das ich nicht so schnell vergessen werde. :'(

    1. Die Hochnäsigkeit hat mich tatsächlich auch gestört und ich hatte auch ganz andere Erwartungen von der Beziehung zwischen den Beiden. Gerade weil man das Ende nicht so schnell vergisst, finde ich es ja extrem cool 😉

  2. Ich habe das Buch vor Jahren mal angefangen und ziemlich schnell wieder abgebrochen, weil weder mit Paloma noch Renee warm wurde und ich damals nicht in der Stimmung dazu war mich durchzuquälen. Aber vielleicht sollte ich es doch nochmal zur Hand nehmen.

    1. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob ich zu einem erneuten versuch raten soll. Man muss schon echt in der richtigen Stimmung sein und irgendwie gleich einen Zugang finden oder man lässt es lieber bleiben

  3. Das Buch ist bei mir schon ein paar Tage her. Ich erinnere mich auch daran, dass ich Paloma ein wenig _zu_ altklug empfand. Und bei Renée hatte ich immer eine Frau vor mir, die bestimmt 20 Jahre älter ist als die angegebenen 54. In der Tat war ich fest davon ausgegangen, dass sie älter ist. Du hast da eine Falschinformation in meinem Kopf korrigiert.
    Davon abgesehen fand ich es bei aller Anstrengung, die man beim Lesen aufbringen muss, sehr leicht zu lesen, weil der Ton und der Stil doch eher dahinplätschernd sind. Was sehr angenehm ist, weil ich es leichter fand, in den Text einzutauchen.

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