Der Roman, den ich nie schreiben werde

Ich habe keine Ahnung, was ich heute für meinen Blog schreiben soll. Und Sorry, Gorana, für „Die 5 Besten am Donnerstag“ fehlt mir echt die Inspiration… Also habe ich eine spontane Entscheidung getroffen: Ich präsentiere euch einen Ausschnitt aus einer Geschichte, an der ich gerade arbeite. Unredigiert. Unhinterfragt. Nicht zu Ende gedacht. Zur Handlung nur so viel: Meine Protagonisten hadert mit sich und dem Schreiben. Viel Vergnügen!

 

Schreiben blutet.

Denn wenn alles in Ordnung ist, gibt es nichts mehr zu erzählen.

Vielleicht ändert sich das im Alter, wenn man zurückblickt.

Aber ich bin jung. Ich kämpfe mit der Welt, bin auf der Suche und schreie mein Leben regelmäßig an. Würde ich das nicht tun, hätte ich nichts zu erzählen. Dann müsste ich mir etwas ausdenken. Aber das kann ich nicht. Bin ich deshalb ein schlechter Autor? Habe ich deshalb zu Recht noch nie ein Buch vollendet? Und haben schlicht meine Lehrer aus der Schulzeit alle Recht und ich kein Talent für die deutsche Sprache?

Es gibt Tricks und Kniffs, mit denen jeder lernen kann eine Geschichte zu schreiben. Die einfachste Methode: “Ja, aber” bzw. “Nein und”. Versteht ihr nicht? Ich erkläre es euch.

Sitzt der Autor vor dem weißen Blatt Papier (wie altmodisch romantisch… natürlich sitzt er wohl eher vor einem blaustichigen Bildschirm, der beginnt in den Augen zu brennen) und weiß nicht weiter, hat er zwei Möglichkeiten etwas passieren zu lassen. Entweder dem Protagonisten gelingt sein Vorhaben, es ereignet sich aber ein neues Hindernis. Oder das Vorhaben gelingt eben nicht und es geht anders weiter.

Ein Beispiel:

Eine karrierebewusste Frau bekommt einen Heiratsantrag von dem Mann, den sie liebt. Sie ist überglücklich und alles könnte gut sein. Aber dummerweise ist sie immer noch mit einem anderen Mann verheiratet. Würde es kein “aber” geben, wäre das Ziel erreicht und eine völlig unspektakuläre Geschichte in wenigen Worten erzählt.

Der besagte Noch-Ehemann weigert sich allerdings die Scheidungspapiere zu unterschreiben, was dazu führt, dass die Frau unverhofft viel Zeit mit ihm verbringen muss und alte Gefühle geweckt werden. In diesem Fall führt das Nicht-Erreichen einer Absicht zu alternativen Handlungsmöglichkeiten. Und bumm… die Geschichte läuft weiter!

Aber so einfach ist es halt dann doch nicht. Denn ja, du kannst im Prinzip jede Handlung unendlich mit dieser Methode vorantreiben. Aber wo soll die Spannung herkommen? Wo das klebrige Zeugs, das den Leser an die Erzählung bindet?

Da wären zum einen die Figuren.

Figuren holt der Autor aus einer Schublade heraus (habe ich schon erwähnt, dass ich kein Fan vom sprachlichen gendern bin?), denn in der Luft lässt sich keine Fundament bauen. Man fängt immer beim Bekannten an, was nicht heißen muss, dass man beim Bekannten bleibt. Es folgen Verformungen, Verbiegungen und Verdrehungen, die aus dem bekannten Kern eine neue Figur machen, die sich eine neue Schublade bauen muss, wenn sie irgendwo exakt hineinpassen möchte oder sie sucht sich eine neue Schublade, in die sie eben nicht perfekt passt. Und das ist genau der springende Punkt: Stereotype sind für einen Roman zu langweilig. Irgendeinen besonderen Funken muss die Hauptfigur besitzen. Irgendwas muss an ihr anders sein. Und es muss nicht gleich der offensichtliche Blitz auf der Stirn sein. Häufig sind es Kleinigkeiten, die diese Figuren zum erzählenswerten Menschen machen.

Aber haben wir nicht schon alles gelesen? Alle Figuren? Alle Erzählstränge? Die Menschheit schreibt seit tausenden von Jahren Geschichten. Ist es nicht absurd zu glauben, dass es eine Geschichte gibt, die noch nicht erzählt wurde? Was macht dann einen guten Roman aus?

Da wäre nun also neben den Figuren noch die Sprache.

Sprache. Klingt simpel. Ist es aber nicht. Eine zweizeilige Email kann Tage brauchen bis sie geschrieben ist, ein Roman kann über Nacht entstehen.

Sprache ist ein fieses Monstrum, von dem die einen ein ganz klares Bild haben, andere sehen es immer nur verschwommen. Texte gefallen oder gefallen nicht, aber die Begründungen sind häufig nicht logisch, sondern emotional-verknüpft. Sätze können sich über Seiten ziehen oder aus zwei Worten bestehen. Wörter werden durch Komma, Doppelpunkte, Ausrufezeichen, Fragezeichen, einem Punkt oder anderen Interpunktionszeichen getrennt – die einen mögen es, die anderen nicht. Es gibt also nicht die eine Lösung wie Sprache in einem Roman funktioniert. Jeder Autor muss seine eigene Sprache finden. Und das ist eine Lebensaufgabe.

So viel Zeit habe ich nicht.

Während ich also weiß, dass ich meine eigene Sprache nicht so schnell finden werde, wie ich es mir wünschte, habe ich das Gefühl andere Autoren zu kopieren. Manchmal klinge ich wie Ronja von Rönne. Einfach nur, weil sie in meinem Alter ist (Nein, jünger!) und Dinge geschafft hat, die ich haben möchte: Aufmerksamkeit für ihre Texte im Internet, einen Bestseller und sie hat das mit dem Journalismus kapiert. Das was ich offenbar nicht kann, sonst würde mir jemand einen Job anbieten. Außerdem schreibt sie über das Lebensgefühl meiner Generation. Ihr Thema ist mein Thema. Ihr Leben ist nicht das Leben, das ich gerne hätte, aber das ich mir manchmal gerne als Kleid überziehen würde.

Und manchmal klinge ich wie Sarah Kuttner oder Benjamin von Stuckrad-Barre.

Vielleicht klinge ich auch gar nicht wie diese Autoren. Vielleicht habe ich nur zu viel Rönne, Kuttner, Stuckrad-Barre gelesen und mich zu sehr von ihren Persönlichkeiten faszinieren lassen, so dass ich mich sehnen ein Teil von ihnen in mir zu tragen. Und nun rede ich mir ein, dass dieser Teil etwas mit dem Schreiben zu tun hat.

Denn Schreiben ist meine Lösung. Meine Lösung dafür mir zu erklären wer ich bin; zu verstehen, wo dieses Lebensgefühl herkommt und wo es hin will; einzuordnen, was andere Menschen von mir oder von sich wollen; abzuschätzen, worauf es im Leben ankommt; zu erraten, worauf der Tod hinausläuft.

Und soll ich euch was sagen? Ich glaube, ich weiß, warum ich schreibe. In diesem Moment, in diesem Augenblick meines Lebens, in dem ich in meiner Wohnung sitze, die Sonne untergeht und der Wein schal wird, habe ich das Gefühl, dass ich schreibe, weil ich möchte, dass die Welt weiß, dass es mich gibt. Und in diesem Moment wird mir auch klar, dass das Schreiben alleine nicht reicht. Um Spuren zu hinterlassen, muss ich sie für Menschen auffindbar machen. Ich brauche nicht nur einen Roman. Ich brauche auch einen Verlag um den Roman zu veröffentlichen.

Oh Gott.

Ich bin so dermaßen zum Scheitern verurteilt.

Aber das denke ich nur heute.

Vielleicht sieht morgen alles schon wieder ganz anders aus.

 

Parallelen zu realen Personen und ihrem Leben sind nicht gewollt und allenfalls zufällig…

 

6 Replies to “Der Roman, den ich nie schreiben werde”

  1. Das Leben ist nicht wie ein Film oder eine serie.
    Es gibt kein Lied am Ende des Tages, keine offensichtliche Wendung oderklar definiertes Gut und Böse.
    Sicher das kommt vor.
    Ab und zu tritt der richtige Mensch auch mal zum richtigen Zeitpunkt in das Leben, doch wie so vieles ist auch dies recht ungewiss.

    Was wäre der Film ohne solch einen Charakter, die Serie ohne die wundervoll ausleitenden Töne?
    Der deutliche Unterschied: Kein Leben ist wie das zweite.
    Ein Charakter im Film oder ein Lied am Ende einer Folge, soll etwas bewirken und wird bewusst platziert.
    Das ist im Leben oft schwieriger bis gar nicht möglich.
    Doch wenn ich tue, was andere bereits taten, und nur mich als neue Variable einfüge, bekomme ich eine neue GEschihte, kann neue Charaktere wiederbeleben und alte Lieder neu hinzufügen.

    Wichtig ist: Ich kann.
    Mein stärkster Feind, hoch und stabil wie eine Mauer, doch unförmig und groß wie das Meer, ist die Zeit. Sie setzt mir die Grenzen.
    Ich kann nicht alle Probleme in meiner Zeit lösen, doch würde ich das wollen? Meine Zeit für für Probleme verschwenden? Sie scheinen riesig und unzerstörbar.
    Vielleicht – und nur vielleicht – sollte ich sie abtragen. Jeden Tag. Stück für Stück. Immer weiter. Doch werden ich nicht schuften wie zuvor, auf keinen Fall.
    Ich werde meinen Blick abwenden. Mögen sie sich auch noch so groß aufbauen und auf mich herabschmunzeln. Mögen mir auch noch so viele Menschen meine Probleme aufzeigen. Ich werde sie nur noch flüchtig betrachten.
    Von nun an gilt nur noch eine Maxime: Mein Ziel ist mein Leben und mein Leben mein Ziel.

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