Jodi Picoult fragt in ihrem Roman: Wann ist Schuld vergeben?

Jodi Picoult ist eine der beliebtesten Erzählerinnen des amerikanischen Buchmarkts. All ihre Bücher stürmen die Bestseller-Listen. In Deutschland ist sie nicht unbekannt, dennoch scheint sich ihr Name der großen Masse noch nicht eingeprägt zu haben. Dabei hat sie 2015 ein Buch geschrieben, dass die ganze Welt berühren sollte und deutsche NS-Vergangenheit beleuchtet.

Picoult scheut nicht vor den großen Themen. In „Neunzehn Minuten“ erzählt sie die Geschichte eines Amok-Läufers oder in „Beim Leben meiner Schwester“ (verfilmt mit Cameron Diaz und Abigail Breslin) die Geschichte eines krebskranken Kindes und dessen Schwester. Was die Autorin auszeichnet? Sie urteilt nicht. Sie beschreibt und berücksichtigt dabei alle möglichen Perspektiven, so dass ein differenziertes Bild entsteht. Wer die Werke der Autorin liest, weiß, es gibt mehr als die zwei Gegenpole „gut“ und „böse“. Und jetzt legt sie also ein Buch vor, in dem sie die Schuld der NS-Verbrechen verhandelt.

„Es gibt Bücher, die sind gut recherchiert, und Bücher, die sind gut erzählt – Jodi Picoult gelingt es, beides zu verbinden.“ Münchner Merkur (31.08.2015)

Die junge Bäckerin Sage Singer hat bei einem Autounfall ihre Mutter verloren und seitdem auch den Bezug zur Außenwelt. In einer Trauergruppe trifft sie Josef Weber, einen 90-jährigen Mann. Zwischen ihnen entsteht eine zarte Freundschaft. Dann macht Josef ihr ein Geständnis und verlangt das Unfassbare: Er gehörte einem Tötungskommando der SS-Truppen an und bittet sie nun ihn bei seinem Selbstmord zu unterstützen. Für Sage beginnt ein moralisches Dilemma und eine Zeitreise in die Vergangenheit des Nazis Reiner Hartmann – wie Josef Weber wirklich heißt – und ihrer Großmutter Minka, die ein im jüdischen Ghetto lebte und nach Auschwitz deportiert wurde.

Im Grunde erzählt Picoult vier Geschichten, die sie geschickt ineinanderwebt:

  • Das Leben und plötzliche moralische Dilemma, in dem Sage steckt, wie sie versucht damit umzugehen und welche Konsequenzen sie daraus für ihr Leben zieht.
  • Die Geschichte des NS-Verbrechers von Josef Weber alias Reiner Hartmann.
  • Die Geschichte der Jüdin Minka.
  • Minkas Erzählung, die sie als Autorin schreibt.

Jede einzelne dieser Geschichten wäre bereits ein lesenswertes Buch. Picoult fasst sie zu einer großen Geschichte zusammen, was das Buch zu einem unvergesslichen Schmöker macht, in dem sich der Leser stundenlang verlieren kann.

Schuld, Vergebung, Strafe, Gerechtigkeit, Hilfe und Gnade sind die Motive um die sich alles dreht. Wer oder was hat unschuldige Kinder zu Nazis gemacht? Wie können sich Menschen gegenseitig grausamste Dinge antun? Kann diese Schuld vergeben werden? Und was, wenn die Ereignisse über 60 Jahre zurückliegen und der Schuldige ein alter Mann von über 90 Jahren ist? Wie geht die Justiz damit um? Wie soll die Enkelin einer Überlebenden damit umgehen? Wie geht die Gesellschaft mit so einer plötzlichen Offenbarung um?

Trotzdem das Buch diese wichtigen Themen behandelt, kommt er auf den ersten Seiten wie ein Liebesroman à la Cecilia Ahern daher. Die Wende vollzieht sich dann von einem Moment auf den anderen und gelingt fließend. Dennoch bleiben einige Erzählstränge, die es wohl nicht gebraucht hatte. Die Affäre mit dem verheiratet Adam ist von zu vielen Klischées geprägt und auch die Exnonne hätte in einem anderen Roman wohl einen besseren Platz gefunden.

Bis ans Ende der Geschichte“ ist ein Roman mit Tiefgang, Schonungslosigkeit, aufwühlenden Ereignissen und Menschlichkeit – Ein Buch an dem niemand einfach so vorbeigehen sollte.

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Bis ans Ende der Geschichte - Jodi PicoultJodi Picoult: Bis ans Ende der Geschichte
Originaltitel: The Storyteller
560 Seiten
ISBN: 978-3-570-10217-6
Verlag: C. Bertelsmann
Erschienen: 31.08.2015

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