Spinner – Wenn das wirklich Leben eine Nummer zu groß ist

Ich habe eiskalte Hände. Menschen schrecken immer zurück, wenn sie mir die Hand geben. Und dann starren sie auf meine langen, weißen Finger, die einem gerade verstorbenen Pianisten gehören könnten, und nachdem sie auf meine Finger gestarrt haben, schauen sie mir ins Gesicht und wirken für einen Augenblick überrascht, dass ich noch lebe, bei diesen toten Händen. (*Spinner, S. 9)

Der junge Mann mit den toten Händen ist Jesper Lier. Nach dem Abitur zog es ihn von München nach Berlin, wo er seinen Roman „Der Leidensgenosse“ schreiben wollte. Offiziell ist er ein eingeschriebener Student. Offiziell hat er eine Freundin. Die Wahrheit sieht allerdings anders aus. Jesper ist einer von den Spinnern, die ihren Träumen nachjagen und dafür die Vernunft ignorieren. Jesper ist einer von den Spinnern, die sich selbst verloren haben. Oder irgendetwas dazwischen.

 

Benedict Wells

©Bogenberger/autorenfotos

„Spinner“ (2009) ist der Nachfolger von Benedicts Wells gefeiertem Debütroman „Becks letzter Sommer“ (2008). Kritiker empfanden das zweite Buch des Jungautoren eher als Enttäuschung. Aber nach einem hochgelobten Debüt scheint das normal. Wer mit einem großen Werk startet, wird mit großen Erwartungen konfrontiert. Und Erwartungen sind auch genau die Probleme, mit denen Jesper Lier kämpft.

 

 

Nach über einem halben Jahr schaute ich mal wieder meine Mails an (…). Ich fühlte mich schlecht. Die paar Nachrichten von meinen Mitschülern, die mir in den letzten Monaten geschrieben hatten, löschte ich ungelesen. Ich wollte nicht sehen, was sie mir alle gut gelaunt von ihren Studienerfahrungen und Zielen und Zukunkftsplänen geschrieben hatten. Und ich wollte ihre Fragen nicht lesen. Ich war keiner von ihnen. (*Spinner, S. 187)

Nach dem Abitur gibt es zunächst die Erwartungen an sich selbst, denn jetzt entscheidet sich wie das Leben aussieht. Aber wie sieht ein glückliches Leben aus? Und warum scheinen es alle anderen besser hinzukriegen als ich? Dann gibt es die Erwartungen der Familie und von Bekannten, so dass man sich fragen muss: Wie schaffe ich es ein Mensch zu werden, für den sich niemand schämen muss?

Spinner von Benedict WellsJeder kennt diese Gefühle auf dem Weg des Erwachsenwerdens. Jesper Lier kämpft mit diesen Gefühlen – oft mit Selbsthass, auch mit Alkohol und manchmal mit Verdrängung. Der lockere Schreibstil, der gerne auch mal den Leser in direkter Ansprache mit seinen Erwartungen konfrontiert, suggeriert eine Leichtigkeit in all den Problemen, die es aber nicht gibt. Denn Jesper muss nicht nur seinen Platz im Leben finden, sondern auch den Tod verstehen lernen. Mit stilistische Unbekümmertheit und inhaltliche Schwere schafft Wells den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Schwermut so, dass der Leser zum Nachdenken angeregt, aber nicht heruntergezogen wird.

Dennoch darf man dem Roman das Fischen in Clichés vorwerfen: Liebeskummer, das Coming-out eines Freundes, Studentenpartys, Drogen – das alles erinnert an den typischen popliterarischen Berlin-Roman, der nichts Neues erzählt. Daher kann der Leser entweder den flapsigen Erzählton erfrischend finden oder sich genervt fühlen ob der vertanen Möglichkeit weiter in die Tiefe zu gehen.

Fazit:

Nicht der große Wurf, aber weit davon entfernt Zeitverschwendung zu sein.


* Wells, Benedict: Spinner, Diogenes Taschenbuch, Zürich, 2010.

 

Auch aktuell ist Benedict Wells mit seinem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ auf dem Buchmarkt vertreten. „Spinner“ hat mich allerdings wesentlich mehr überzeugt. Warum? Lest ihr hier.

 

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